Keramikherstellung: Gips- statt Töpferscheibe?

Interview mit Keramikgestalterin Christine Ruff.

NahGEMACHT-Gespräch mit 12 Fragen und herzlich offenen Antworten zum Beruf, der Inspiration und dem Fertigungsprozess.
Wie würdest du deinen Beruf – oder passt das besser – deine Berufung, bezeichnen?

Ich bezeichne mich selbst als Keramikgestalterin. Denn mir ist bei meiner Arbeit nicht nur das optimale keramische Ergebnis wichtig, es geht mir doch vielmehr um die Transformation des Werkstoffs in immer neue Formen. Außerdem liebe ich das Experimentieren mit Farben und Dekoren.

Hast für deine Arbeit mit der Keramik eine bestimmte Ausbildung gemacht?

Ja, schon. Zuerst habe ich eine Lehre als Keramikmalerin gemacht. Das war nicht immer ganz einfach für einen eher kreativen Menschen wie mich, denn in meinem Ausbildungsbetrieb ging es vornehmlich um Akkordproduktion. Dennoch war es eine gute und solide Grundlage und so habe ich anschließend eine Fachschule für Keramikgestaltung besucht, um mich ganzheitlicher mit dem Potential des Werkstoffs und seiner kreativen Verarbeitung zu beschäftigen.

Siehst du dich dabei eher als Künstlerin oder als Handwerkerin?

Oh ja (denkt nach), das ist eine schwierige Frage: Meine Arbeit hat natürlich viel mit handwerklichem Können und Wissen rund um die Keramik zu tun: Aber die Gestaltungsidee zu finden, sie weiter zu entwickeln und hin zu einem spannenden Keramik-Produkt zu kreieren – das geht schon sehr in Richtung Kunst. Die Produktion selbst ist dann wieder gutes, solides Handwerk.

Was inspiriert dich? Woher kommen deine Gestaltungsideen?

Das ist gar nicht so einfach zu beschreiben, denn vieles läuft doch sehr subtil ab. Wichtig ist, mit offenen Augen und offenen Gedanken durch die Welt zu gehen, dann begegnen einem Dinge, Momente oder Formen in der Gesellschaft oder der Natur, die etwas in einem bewegen. Nicht immer ist das gleich greifbar, aber über eine Zeit setzt sich eine Idee dann irgendwann durch. Dann weiß ich genau, diese Form möchte ich jetzt machen. Das ist dann genau der Moment, an dem ich mich an meine Gipsabdrehscheibe setze und die noch virtuelle Idee in eine reale Form verwandle (lächelt).

Gipsabdrehscheibe? Sollte es nicht eigentlich Töpferscheibe heißen?

Nun, ich arbeite für meine Werke tatsächlich nicht mit der Töpferscheibe, sondern ich stelle meine Formen im Gießverfahren her. Dafür drechsle ich an einer Gipsabdrehscheibe, ähnlich einer Drehbank, aus einem Gipsblock, das gewünschte Modell, die Positivform. Davon erstelle ich die Negativform, auch aus Gips, die mir dann als Gussform für die eigentliche Keramik dient. Das Drechseln der Form ist zwar sehr aufwändig, der Vorteil ist, dass ich damit sehr exakte Formen herstellen kann. Alle Konturen werden dann so, wie ich sie mir vorgestellt habe.

Wie läuft ein Keramik-Guss-Prozess genau ab?

Alle Artikel werden wie eben beschrieben zuerst gegossen, dann aus der Gipsform genommen und anschließend getrocknet. Das ist ein Zeitpunkt, wo ich noch sehr vorsichtig sein muss, weil alles noch sehr empfindlich und verformbar ist. Danach werden die Vasen und Schalen zuerst einmal niedrig gebrannt, bei 950 Grad, Schrühbrand nennt man das. in diesem Zustand sind meine Werke noch porös. Das ist auch gut und wichtig, um diese, wenn nötig, an Stellen mit kleinen Macken noch etwas nachschleifen zu können. Außerdem sorgt es für die Verbindung mit der Glasur. Denn im nächsten Arbeitsschritt werden die Produkte glasiert. Die Glasur mische ich zum größten Teil nach meiner eigenen Rezeptur und spritze sie auf, weil so die Oberfläche nach dem Brennen homogener wird als bei einem Pinselanstrich. Danach kommt alles wieder in den Ofen, und wird bei 1230 Grad gebrannt. Diesen Vorgang nennt man Glattbrand oder Glasurbrand, er sorgt dafür, daß meine Keramiken dicht und haltbar sind.

Was ist dein bevorzugter Werkstoff?

Keramik ist ja der Oberbegriff, und davon gibt es unterschiedliche Massen. Diese verlangen eine unterschiedliche Brenntemperatur. Wie eben schon erwähnt, je höher gebrannt wird, um so dichter wird dann das Material. Porzellan ist dabei das dichteste. Steinzeugton benutze ich für meine Stücke. Dieser gehört wie Porzellan zur „Sinterzeug“-Klasse, die sich durch ihre hohe Wasserdichtigkeit auszeichnen. Auch Steinzeugton wird sehr hoch gebrannt – und ist damit entsprechend hochwertig. Dann gibt es noch das Steingut, das gehört in die Klasse des Kalk- oder Weichsteingut, die oft in der Industrie verwendet werden.

Ab wann bist du mit deiner Arbeit zufrieden?

Natürlich bin ich nach jedem Brand sehr gespannt auf das Ergebnis und kontrolliere penibel jedes einzelne Stück. Wunderbar ist, wenn ich ein Stück in die Hand nehme und sofort weiß – das ist es. Misslingt mir ein Stück, bin ich vielleicht kurz enttäuscht, aber oft entstehen aus solchen Momenten auch wieder neue Anreize und Ideen, sodass der kreative Prozess niemals endet.

Was müsste ein Mitarbeiter in deinem Beruf unbedingt mitbringen?

Vieles in dem gesamten gestalterischen Prozess kann man lernen, wenn man nicht ganz ungeschickt ist. Was aus meiner Sicht den Unterschied ausmacht ist, ein guter Blick. Einfach mit Offenheit sehen zu können, was für Ideen sich einem in der Umwelt bieten, sehen zu können, wie eine Idee als fertige Keramik Produkt dann aussehen soll und sehen zu können, ob das Ergebnis exakt der Idee entspricht, das ist das Wichtigste.

Tauschst du dich auch mit anderen Keramikern aus?

Wenn ich auf einen Markt oder einer Messe gehe, dann gibt es schon einen Austausch und ich bin dann immer wieder begeistert, wie vielfältig die Menschen, Ideen und Produkte sind. Auch wenn sie ein ähnliches Gestaltungsprinzip verfolgen, ist doch jeder in seinem Tun sehr individuell. Wir sehen uns also nicht als Konkurrenz, sondern eher als eine schöne Bereicherung.

Hat sich schon jemand bei dir beklagt, dass deine Produktlinie „Wackelschalen“ wackelt?

(lacht) Ja tatsächlich, ein Kunde hatte dann Vorschläge, dass ich unten noch kleine Füße anbringe. Aber ich habe widerstanden, weil es dann ja keine Wackelschale mehr ist.

Was denkst du von Menschen, die ihre Waren in einem schwedischen Möbelhaus kaufen?

(lacht wieder) Ach Gott, ich gehe auch ab und zu IKEA, ich finde schon, dass sie gute Designer haben. Aber ich denke meine Keramik-Produkte heben sich da durch ihre Individualität ab und entstammen auch nicht der Massenproduktion. Es freut mich, wenn Menschen das wertschätzen.

Dein größter beruflicher Erfolg?

Ich bin seit 2005 selbstständig, bis 2011 war es sehr schwierig, als Keramikerin richtig Fuß zu fassen (ruff ceramic). Dennoch habe ich nicht aufgegeben und dann 2013 den NRW Staats-Preis bekommen. Das war ein unglaublich großer Auftrieb und eine Bestätigung für mich und meine Arbeit. Positiv sowohl im Hinblick auf die Auftragslage, als auch und vor allem, für mein Selbstvertrauen. Dem folgte dann 2014 noch der hessische Staatspreis auf der Tendence-Messe in Frankfurt und Einladungen zu einigen weiteren Messen.

 

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